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Deutschland setzt auf ambulant vor stationär: Medizinische Versorgung im Wandel

Verena Bauer • 30/08/2021
Medizinische Versorgung Deutschland Medizinische Versorgung Deutschland

Der deutsche Markt für medizinischen Versorgungsleistungen befindet sich in einem tiefgreifenden, strukturellen Wandel: Regionale Überkapazitäten, defizitär wirtschaftende Kliniken, steigende operative Kosten, ein teilweise signifikanter Investitionsstau in Immobilien und ein zumindest regionaler Personalengpass prägen die Versorgungslandschaft. Gleichzeitig streben Bund, Länder und Kommunen nach einer deutschlandweiten bedarfsgerechten und effizienten Versorgungsstruktur. Öffentliche Debatten werden lauter, nicht zuletzt befeuert durch die COVID-19-Pandemie, die Schwachstellen im Gesundheitssystems offenlegte. Ist das deutsche Gesundheitssystem krisensicher? Ist der Abbau von (Über-)Kapazitäten tatsächlich sinnvoll? Oder liegt es im gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Interesse etwa im Falle einer dritten Welle oder einer neuen Pandemie Reserve-Kapazitäten freizuhalten?

Mit dem Krankenhausstrukturfonds des Bundes soll der Abbau von Überkapazitäten in der stationären Versorgung mit bis zu zwei Milliarden Euro bis Ende 2024 finanziert werden. Nach dem Leitsatz „Ambulant vor Stationär“ aus dem Sozialgesetzbuch verschiebt sich die Versorgung hin zu medizinischen Versorgungszentren. Diese sollen die Behandlung von Patienten effizienter gestalten, indem Sie Spezialisierungen kombinieren und eng mit Rehabilitationseinrichtungen zusammenarbeiten. Das medizinische Anbot in Städten, aber vor allem in ländlichen Regionen, soll weiterhin verfügbar und erreichbar bleiben, jedoch mit optimierten Kosten und einer höheren Qualität. 

Was sind die zentralen Trends und Entwicklungen im Krankenhausmarkt? Und wie gestaltet sich der Wandel hin zu medizinischen Versorgungszentren?

In Deutschland gibt es derzeit knapp über 1.900 Krankenhäuser mit insgesamt etwa 494.000 verfügbaren Betten. Die Gesamtzahl der Einrichtungen ist seit 2010 um 150 gesunken (-7,3 %). Dabei gibt es starke regionale Unterschiede: Während Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen zusammen über 80 Krankenhäuser weniger haben, stieg die Anzahl der Krankenhäuser in den Ländern Hamburg (13), Berlin (8), Brandenburg (6), Schleswig-Holstein (14) und Thüringen (1). Die Zahl der Gesamtbetten hat sich jedoch lediglich um 1,7 Prozent verringert. Krankenhäuser, die nicht profitabel gewirtschaftet haben, wurden zusammengelegt. Damit erhöhte sich die durchschnittliche Bettenzahl pro Krankenhaus auf 258 Betten im Jahr 2019.

Medizinische Versorgung Verteilung nach Bundesland Medizinische Versorgung Verteilung nach Bundesland
Medizinische Versorgung Verteilung nach Trägerschaft Medizinische Versorgung Verteilung nach Trägerschaft

Konsolidierungen und Spezialisierungen verstärken den Privatisierungs-Trend 

Private Krankenhaus-Träger machten im Jahr 2019 mit 37,8 Prozent der Allgemeinkrankhäuser den größte Anteil aus – das entspricht einem Anstieg um fast 5 Prozentpunkte seit dem Jahr 2010 und liegt deutlich über dem Anteil freigemeinnütziger oder öffentlicher Träger. Gemessen an der Anzahl der Betten lag der Wert jedoch geringer bei etwa 19,3 Prozent im Jahr 2019. Grund: Privatwirtschaftliche Krankenhäuser setzen ihren Schwerpunkt in der Spezialisierung. Der Trend zur Privatisierung der Krankenhauslandschaft liegt jedoch auch an der zunehmenden Konsolidierung und der Übernahmen durch große Konzerne. Außerdem werden insbesondere kommunale Krankenhäuser mittlerweile in der Regel in einer privatrechtlichen Form geführt. Öffentliche Träger, wie Universitätskliniken stellen den Großteil der planbaren Betten in Allgemeinkrankenhäusern in Deutschland und sind damit ebenfalls ein wichtiger Bestandteil der Krankenhausversorgung.

Psychische Krankheiten brauchen eine andere Pflege als ein Atemwegsinfekt  

Patienten-Rekord: Mit über 19,4 Millionen Krankenhauspatienten im Jahr 2019 wurde erneut ein Höchstwert erreicht. Dennoch ist die Auslastungsquote der verfügbaren Betten weiterhin am historischen Tiefpunkt bei 77,2 Prozent. Grund: Die Verweildauer ist mit 7,2 Tagen je Patient im Jahr 2019 so gering wie nie zuvor. Kürzere Behandlungszeiten bei Kreislauferkrankungen, gezielte Vorsorgemaßnahmen und die schnellere Verlegung in Rehabilitationseinrichtungen tragen maßgeblich dazu bei. Zudem werden Patienten mit psychischen Störung als Hauptdiagnose häufiger, Atmungssystemerkrankungen seltener. Vollstationäre Betreuung wird daher weniger oft und kürzer benötigt. Psychische Krankheitsbilder machen vielmehr eine längerfristige und gezielte ambulante Behandlung mit Ärzten und Psychotherapeuten notwendig, die außerhalb der Krankenhäuser stattfindet.

 

Gelder fließen in die Immobilien, nicht ins Personal

Steigende betriebliche Kosten zwingen Einrichtungen und Betreiber zur Konsolidierung. Die seit Jahren sinkende Profitabilität der Allgemeinkrankenhäuser ist ein Resultat von kürzeren Krankenhausaufenthalten und einer niedrigen Auslastungsquote, aber auch der geringen Investitionsquote der Länder. Die Niedersächsische Krankenhausgesellschaft (NKG) ermittelte eine jährlich notwendige Investitionsquote von 8 bis 10 Prozent, im Jahr 2019 lag sie im Schnitt in Deutschland bei 3,2 Prozent. Die jeweiligen Länder sind für die Investitionsplanung Ihrer Einrichtungen zuständig und stellen schon seit Jahrzehnten immer weniger finanzielle Mittel für die Krankenhäuser bereit. Die steigenden operativen Kosten werden demnach von den Krankenkassen getragen, sodass Betreiber immer mehr Betriebsmittel für Investitionen in die Immobilie nutzen, anstatt diese Gelder etwa für Pflegepersonal einzusetzen. 

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Unterstützung beim Wandel aus der Liquiditätsreserve der Gesundheitsfonds

Um die Überkapazitäten der Allgemeinkrankenhäuser in Deutschland abzubauen, wurde der Krankenhausstrukturfonds aufgesetzt. Dieser soll Krankenhaus-Schließungen, -Zusammenlegungen und -Umwandlungen in Deutschland finanzieren. Dafür werden jährlich bis zu eine Milliarde Euro aus der Liquiditätsreserve des Gesundheitsfonds zur Verfügung gestellt. Die Länder können bis Ende des Jahres 2022 Anträge auf Auszahlung aus dem Strukturfonds stellen. Die finanziellen Mittel werden zu 75 Prozent vom Bund und 25 Prozent von den Ländern gestellt. Diese sollen besonders defizitäre Krankenhäuser bei der Schließung oder Umwandlung unterstützen.

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Medizinischen Versorgungszentren punkten durch Spezialisten und hohe Wirtschaftlichkeit

Steigende Gesundheitsausgaben beschleunigen den Wandel hin zu ambulanter medizinischer Versorgung. Allgemeinkrankenhäuser wirtschaften teilweise ineffizienter als spezialisierte Einrichtungen, kämpfen mit einer niedrigen Auslastung und fehlenden Investitionsmittel. Die Kosten einer stationären Behandlung liegen bei fast dem zehnfachen der einer ambulanten Behandlung. Medizinische Versorgungszentren bieten hingegen eine hohe Wirtschaftlichkeit: Spezialisierte Ärzte verschiedener Fachgebiete sind unter einem Dach und können Patienten effizient ambulant behandeln. Viele Krankheiten können in spezialisierten Rehabilitationseinrichtungen besser behandelt werden. Die Kostenstruktur in medizinischen Versorgungszentren ermöglicht den Betreibern wesentlich einfacher profitabel zu arbeiten und sichern eine qualitativ hochwertige Versorgung.

 

Langfristige Pachtverträge und zunehmende Professionalisierung stärken den Investmentmarkt für ambulante medizinische Versorgungszentren

Ärztehäuser und Medizinische Versorgungszentren etablieren sich als sicheres Anlageziel und erfahren zunehmendes Interesse von institutionellen (Immobilien-) Investoren – solche, die bereits im Gesundheitsimmobilienmarkt etabliert sind oder einen Einstieg darin suchen. Grund sind unter anderem die politisch motivierte Ambulantisierung der medizinischen Versorgung sowie der steigende Versorgungsbedarf durch den demographischen Wandel. Die fortschreitende Professionalisierung im Betreibermarkt gepaart mit langfristigen Pachtverträgen mit den Betreibern als Generalmieter oder den einzelnen praktizierenden Ärzten tragen zur Institutionalisierung der Asset-Klasse bei. Die Relevanz der Ärztehäuser und Medizinischen Versorgungszentren für den deutschen Gesundheitsmarkt wurde durch die Corona-Pandemie noch einmal sichtbarer. Im vergangenen Jahr wurden Ärztehäuser mit einem Volumen von über 250 Millionen Euro gehandelt, im ersten Halbjahr 2021 lag das Transaktionsvolumen bereits bei über 230 Millionen Euro. Es ist für die zweite Hälfte des Jahres 2021 von einem weiteren Anstieg des Transaktionsvolumens auszugehen. Die Spitzenrediten liegen zwischen drei und vier Prozent, wobei Lage, Objektqualität, Erreichbarkeit, Einzugsgebiet und sozio-ökonomische Fundamentaldaten und Prognosen ausschlaggebend sind. Die Asset-Klasse wird in Zukunft weiter an Attraktivität gewinnen und institutionelle Investoren anziehen. 

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